Das Wissenschaftliche Institut der AOK
403 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 AOK-versicherte Beschäftigte aufgrund psychischer Erkrankungen im Jahr 2025. Zehn Jahre zuvor waren es 284. (WIdO) berichtet damit einen Anstieg von knapp 42 Prozent.
Diese Nachricht ist ernst. Sie ist aber auch erklärungsbedürftig.
Denn zwischen einer steigenden Zahl dokumentierter Fehltage und der Aussage, psychische Erkrankungen hätten in der Bevölkerung im selben Umfang zugenommen, liegt ein entscheidender Unterschied.
KERNGEDANKE
Mehr dokumentierte Fehltage bedeuten nicht automatisch genauso viel mehr psychische Erkrankungen.
Was die Zahlen zeigen – und was nicht
Der Fehlzeiten-Report 2026 wertet Arbeitsunfähigkeitsdaten von 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten aus. Im Jahr 2025 entfielen auf 100 Mitglieder 403 Arbeitsunfähigkeitstage mit psychischer Diagnose; 2016 waren es 284.
FORSCHUNG & DATEN
284 (2016)
403 (2025)
+42 %
Veränderung
Quelle: WIdO-Fehlzeiten-Report 2026.
Eine Krankschreibung wegen einer psychischen Erkrankung dauerte 2025 durchschnittlich 28,5 Tage. Bei Atemwegserkrankungen waren es 5,7 Tage pro Fall. Psychische Erkrankungen verursachen also nicht unbedingt die meisten Krankmeldungen, können aber wegen ihrer längeren Falldauer erheblich zu den Fehlzeiten beitragen.
FORSCHUNG & DATEN
28,5 Tage
pro psychisch bedingtem AU-Fall
5,7 Tage
Atemwegserkrankungen
Quelle: WIdO-Fehlzeiten-Report 2026.
Gleichzeitig gingen die Fehlzeiten über alle Erkrankungsgruppen hinweg zuletzt leicht zurück: 2025 waren es im Durchschnitt 23,3 Arbeitsunfähigkeitstage je Mitglied, nach jeweils 23,9 Tagen in den beiden Vorjahren. Wer nur eine Kennzahl betrachtet, kann also ein verzerrtes Bild der gesamten Entwicklung gewinnen.
Warum eine Krankheitsstatistik keine einfache Ursache liefert
Mehr dokumentierte Arbeitsunfähigkeitstage können mehrere Gründe haben. Erkrankungen werden heute teilweise besser erkannt und behandelt. Psychische Beschwerden können offener angesprochen werden. Auch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hat die Erfassung von Krankmeldungen verändert. Zugleich gibt es Hinweise auf reale Zunahmen psychischer Belastungen und einzelner Störungen.
Welche Anteile auf welche Ursachen entfallen, lässt sich aus diesen aggregierten Fehlzeitendaten allein nicht bestimmen.
FACHBEGRIFF
Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage)
statistisch erfasste Tage ärztlich bescheinigter Arbeitsunfähigkeit; sie sind kein direktes Maß für das gesamte psychische Belastungserleben oder die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung
Deshalb wäre es wissenschaftlich unredlich, aus dem Anstieg zu schließen, dass Beschäftigte heute um genau 42 Prozent psychisch kränker seien. Ebenso falsch wäre es, die Entwicklung allein auf bessere Erfassung zu reduzieren.
Der Blick auf besonders betroffene Berufe
Der Bericht nennt unter anderem Dialogmarketing, Haus- und Familienpflege, Altenpflege und Kinderbetreuung als Berufsfelder mit besonders häufigen psychisch bedingten Krankmeldungen.
Das ist kein Beweis, dass einzelne Tätigkeiten automatisch krank machen. Aber es lenkt die Aufmerksamkeit auf Arbeitsbedingungen: emotionale Anforderungen, Verantwortung für andere Menschen, hohe Arbeitsdichte, eingeschränkte Handlungsspielräume und Unsicherheit können in bestimmten Konstellationen eine Rolle spielen.
Ein Präventionsansatz, der ausschließlich einzelnen Beschäftigten erklärt, wie sie sich entspannen sollen, würde diesen Teil des Problems übersehen.
Prävention muss auf zwei Ebenen denken
Organisationen können Arbeitsbedingungen gestalten: Aufgaben, Rollen, Ressourcen, Kommunikation, Führung und Möglichkeiten, Belastungen frühzeitig anzusprechen.
Menschen können zugleich Kompetenzen entwickeln, um eigene Belastungssignale wahrzunehmen, Situationen einzuordnen, Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und unter realen Bedingungen angemessen zu handeln.
Beides ist wichtig. Individuelle Kompetenzentwicklung ersetzt keine verantwortliche Arbeitsgestaltung. Und gute Arbeitsbedingungen machen psychologische Handlungskompetenz nicht überflüssig.
| Arbeitsbedingungen gestalten | Psychologische Kompetenz entwickeln |
|---|---|
| Anforderungen | Wahrnehmen |
| Ressourcen | Einordnen |
| Rollen | Handeln |
| Führung | Reflektieren |
„Keine der beiden Ebenen ersetzt die andere.“
Das ist auch für die Bewertung von Präventionsprogrammen entscheidend. Sinkende Fehlzeiten können ein langfristig interessantes Organisationsziel sein. Sie sind aber kein sauberer Einzelbeweis für die Wirkung eines bestimmten Trainings. Dafür braucht es eine zum Trainingsziel passende Evaluation: Was sollten Teilnehmende lernen? Was hat sich in ihren Kompetenzen verändert? Was davon wird im Alltag angewendet? Und welche anderen Faktoren könnten Veränderungen erklären?
FACHBEGRIFF
Evaluation
T0/T1 erfasst Veränderungen vor und nach einer Maßnahme; daraus allein folgt ohne geeignete Vergleichsbedingungen noch kein eindeutiger Kausalnachweis
Die wichtigere Frage hinter der Schlagzeile
Der Fehlzeiten-Report ist ein starkes Signal dafür, psychische Gesundheit in der Arbeitswelt ernst zu nehmen. Er liefert aber keine fertige Gebrauchsanweisung für Prävention.
Wer aus der Nachricht lediglich „Wir brauchen mehr Resilienztrainings“ ableitet, greift zu kurz. Wer ausschließlich auf Strukturen verweist und individuelle Kompetenzen ignoriert, ebenfalls.
Sie lautet: Welche Belastungen können Organisationen verändern – und welche Kompetenzen brauchen Menschen, um unter ihren tatsächlichen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben?
Die relevante Frage lautet deshalb nicht nur: Wie reduzieren wir Fehltage?
Sie lautet: Welche Belastungen können Organisationen verändern – und welche Kompetenzen brauchen Menschen, um unter ihren tatsächlichen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben?
Hier weiter lesen:
Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO). (2026, 8. Oktober). Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen in zehn Jahren um 42 Prozent gestiegen. Primärmitteilung zum Fehlzeiten-Report 2026. https://idw-online.de/de/news878800
n-tv / dpa. (2026, 8. Oktober). Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen steigt stark. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Zahl-der-Fehltage-wegen-psychischer-Erkrankungen-steigt-stark-id31397222.html
DAK-Gesundheit. (2026). DAK Psychreport 2026. Ergänzende, nicht direkt mit WIdO-Werten vergleichbare Datengrundlage. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2026_163000

