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  • Unternehmen bereiten Menschen auf kritische Situationen vor. Aber wer bereitet sie auf die Minuten danach vor?

    Ein Unfall ist passiert. Ein Konflikt ist eskaliert. Eine bedrohliche Situation wurde entschärft. Ein schwieriges Gespräch ist beendet.

    Die unmittelbare Aufgabe ist erfüllt.

    Die Gefahr ist vorbei. Die Beteiligten können aufatmen. Vielleicht wird noch kurz dokumentiert, was passiert ist, anschließend geht der Arbeitsalltag weiter.

    Zumindest äußerlich.

    Denn zwischen dem Ende eines Ereignisses und dem Moment, in dem ein Mensch innerlich wieder im normalen Arbeitsmodus angekommen ist, kann ein Unterschied liegen.

    Genau dieser Unterschied beschäftigt uns bei OwlYeah.

    Nicht, weil wir bestehende Sicherheits- oder Notfalltrainings für unzureichend halten. Im Gegenteil: Menschen darauf vorzubereiten, in kritischen Situationen richtig zu handeln, ist eine zentrale Voraussetzung für Sicherheit.

    Aber vielleicht betrachten wir dabei zwei Fähigkeiten zu häufig getrennt, die unmittelbar zusammengehören:

    Handlungsfähigkeit während der Belastung. Und Selbstregulation danach.

    Handlungsfähig sein, wenn es darauf ankommt

    Unternehmen investieren in viele Formen der Vorbereitung auf kritische Situationen.

    Mitarbeitende lernen, Gefahren zu erkennen. Sie trainieren Erste Hilfe. Sie üben Deeskalation. Sie lernen Notfallabläufe, Sicherheitsregeln oder den Umgang mit schwierigen Situationen.

    Der gemeinsame Kern ist nachvollziehbar:

    Wenn etwas passiert, soll ein Mensch nicht erst überlegen müssen, was zu tun ist. Er soll handlungsfähig bleiben.

    Das ist eine psychologische Leistung.

    Denn kritische Situationen verlangen häufig gleichzeitig Aufmerksamkeit, schnelle Entscheidungen, Kommunikation und die Fähigkeit, trotz Belastung zielgerichtet zu handeln.

    Handlungssicherheit bedeutet deshalb mehr als das Auswendiglernen eines Ablaufs. Sie bedeutet, in einer Situation, die den Menschen fordert, überhaupt noch angemessen handeln zu können.

    Doch damit ist die Situation nicht zwangsläufig vollständig beschrieben.

    Denn ein Mensch kann während eines Ereignisses funktionieren und trotzdem danach noch deutlich unter dessen Eindruck stehen.

    Das ist kein Widerspruch.

    Und es bedeutet auch nicht automatisch, dass eine psychische Erkrankung entsteht.

    Es bedeutet zunächst nur: Eine belastende Situation kann nicht allein deshalb als psychisch abgeschlossen gelten, weil die äußere Handlung beendet ist.

    Wenn die Situation vorbei ist, ist nicht automatisch alles wieder normal

    Wir kennen diesen Unterschied auch aus weniger dramatischen Situationen.

    Ein schwieriges Gespräch ist beendet. Die andere Person ist gegangen. Das Problem ist zunächst geklärt.

    Trotzdem merkt man vielleicht noch eine Weile, dass man angespannt ist.

    Man liest dieselbe E-Mail zweimal. Man ist unruhiger als sonst. Die Aufmerksamkeit springt schneller. Man braucht einen Moment, bevor man sich wieder auf eine andere Aufgabe konzentrieren kann.

    Genau deshalb wäre es wissenschaftlich nicht sauber, von einer einheitlichen „Stressreaktion nach einem Ereignis“ auszugehen.

    Dabei reagieren Menschen unterschiedlich. Manche finden schnell wieder in ihren Alltag zurück. Andere benötigen länger. Manche sprechen darüber, andere ziehen sich zunächst zurück. Manche nehmen ihre eigene Reaktion kaum wahr.

    Was wir stattdessen feststellen können: Die Forschung zu Interventionen nach traumatischen Ereignissen am Arbeitsplatz ist noch nicht so eindeutig, wie es manche Angebote vermuten lassen.

    Billings und Kolleg:innen haben 80 Studien und 11 klinische Leitlinien ausgewertet. Das Ergebnis ist bemerkenswert zurückhaltend: Die Evidenz reicht nicht aus, um die Überlegenheit einer bestimmten Intervention eindeutig zu belegen. Ein großer Teil der Forschung weist Qualitätsprobleme auf. Gleichzeitig werden Unterstützungsangebote von Beschäftigten grundsätzlich als wertvoll wahrgenommen.

    Das ist kein Argument gegen Unterstützung.

    Es ist ein Argument für eine präzisere Frage.

    Vielleicht stellen wir bisher die falsche Frage

    Wenn nach einem kritischen Ereignis gefragt wird, was ein Unternehmen tun soll, lautet die Frage häufig:

    Welche Intervention brauchen wir danach?

    Diese Frage ist wichtig.

    Aber sie kommt möglicherweise zu spät.

    Denn Prävention beginnt nicht erst mit der Auswahl einer Intervention nach einem Ereignis. Sie kann wesentlich früher ansetzen: bei den Kompetenzen, die Menschen bereits vorher entwickeln.

    Damit verschiebt sich die Perspektive.

    Nicht nur:

    Was tun wir, wenn etwas passiert ist?

    Sondern auch:

    Was kann ein Mensch vorher lernen, damit er mit einer akuten Belastungssituation besser umgehen kann?

    Das ist ein anderer Ansatz.

    Er setzt nicht voraus, dass nach jedem kritischen Ereignis eine bestimmte Reaktion oder Behandlung notwendig ist. Er macht Menschen vielmehr mit Möglichkeiten vertraut, die eigene Aktivierung wahrzunehmen und – soweit es die Situation erlaubt – wieder zu regulieren.

    Genau hier liegt der Unterschied zwischen Prävention und Krisenintervention.

    Prävention versucht nicht, eine bereits entstandene psychische Störung zu behandeln.

    Sie schafft Kompetenzen, bevor sie benötigt werden.

    Selbstregulation ist nicht Therapie

    Der Begriff „Selbstregulation“ kann schnell missverstanden werden.

    Es geht nicht darum, Menschen beizubringen, schwierige Erlebnisse einfach „wegzuatmen“.

    Es geht auch nicht darum, Beschäftigten die Verantwortung für ihre psychische Gesundheit zuzuschieben oder ihnen zu vermitteln, sie müssten nach jedem belastenden Ereignis möglichst schnell wieder funktionieren.

    Und schon gar nicht geht es darum, therapeutische oder klinische Unterstützung durch ein Training zu ersetzen.

    Das wäre weder fachlich sinnvoll noch die Aufgabe von Prävention.

    Selbstregulation meint in diesem Zusammenhang etwas wesentlich Grundsätzlicheres: die Fähigkeit, die eigene Reaktion auf Belastung wahrzunehmen und geeignete, erlernte Möglichkeiten zu nutzen, um wieder handlungsfähiger zu werden.

    Dabei kann es um sehr unterschiedliche Zugänge gehen.

    Nicht jede Person reagiert auf dieselbe Methode gleich. Nicht jede Situation erlaubt dieselbe Reaktion. Und nicht jede Belastung lässt sich durch eine kurze Übung regulieren.

    Gerade deshalb sollte psychologische Kompetenz nicht aus einem einzelnen „Trick“ bestehen.

    Die Minuten danach sind eine eigene Phase

    Vielleicht liegt hier der eigentliche blinde Fleck.

    Wir denken häufig in Kategorien wie:

    Vor dem Ereignis.

    Vorbereitung, Sicherheitsregeln, Training.

    Während des Ereignisses.

    Handeln, entscheiden, kommunizieren.

    Nach dem Ereignis.

    Dokumentieren, aufarbeiten, weiterarbeiten.

    Psychologisch könnte es jedoch sinnvoll sein, die Zeit unmittelbar nach einer kritischen Situation stärker als eigene Phase zu betrachten.

    Nicht, weil jeder Mensch dort Unterstützung braucht.

    Sondern weil Menschen dort möglicherweise etwas anderes brauchen als während des Ereignisses.

    Während der kritischen Situation lautet die zentrale Frage:

    Was muss ich jetzt tun?

    Danach kann eine andere Frage relevant werden:

    Was brauche ich jetzt, um wieder bei mir und in meiner Handlungsfähigkeit anzukommen?

    Das klingt schlicht.

    Aber genau solche Unterschiede entscheiden darüber, welche Kompetenz wir überhaupt trainieren.

    Was Unternehmen bisher trainieren – und was dazwischen liegen kann

    Wenn ein Unternehmen Deeskalation trainiert, geht es darum, eine eskalierende Situation möglichst sicher zu bewältigen.

    Wenn es Erste Hilfe trainiert, geht es darum, in einem medizinischen Notfall angemessen zu handeln.

    Wenn es Notfallmanagement trainiert, geht es um Abläufe und Entscheidungen unter besonderen Bedingungen.

    All das hat einen klaren Zweck.

    Psychologische Selbstregulation verfolgt dagegen einen anderen Zweck.

    Sie beantwortet nicht die Frage:

    Wie verhindere ich die kritische Situation?

    Und auch nicht:

    Wie behandle ich die Folgen eines traumatischen Ereignisses?

    Sie setzt an einer anderen Stelle an:

    Wie kann ich mit meiner eigenen akuten Belastungsreaktion so umgehen, dass ich wieder handlungsfähiger werde?

    Das ist keine Konkurrenz zu bestehenden Trainings.

    Es ist eine Ergänzung der Perspektive.

    Und genau deshalb interessiert uns bei OwlYeah weniger die Frage, ob ein Unternehmen bereits ein Deeskalationstraining anbietet.

    Uns interessiert die Frage dahinter:

    Welche psychologischen Kompetenzen werden Menschen für die gesamte Situation vermittelt – einschließlich der Minuten danach?

    Was die Forschung tatsächlich hergibt

    Gerade an diesem Punkt ist wissenschaftliche Zurückhaltung wichtig.

    Die Forschung liefert kein einfaches Rezept nach dem Muster: Kritisches Ereignis → Methode X → psychische Gesundheit bleibt erhalten.

    Die systematische Übersichtsarbeit von Billings et al. zeigt vielmehr, wie uneinheitlich die Evidenzlage ist. Unterschiedliche Interventionen wurden untersucht, die Qualität der vorhandenen Forschung ist vielfach begrenzt, und eine eindeutige Überlegenheit einer bestimmten Intervention lässt sich nicht feststellen.

    Auch die Rapid Review von Pearce und Kolleg:innen kommt zu einer deutlichen Evidenzlücke bei Reaktionen auf kritische Ereignisse am Arbeitsplatz.

    Das bedeutet:

    Wir wissen noch nicht alles.

    Und genau deshalb sollten wir nicht so tun, als wüssten wir es.

    Die WHO bietet mit Psychological First Aid einen Rahmen für humane, unterstützende und praktische Hilfe nach extrem belastenden Ereignissen. Das Konzept richtet sich an Menschen in der unmittelbaren Phase nach einem Ereignis und ist ausdrücklich nicht als Therapie oder standardisiertes Debriefing zu verstehen.

    Für OwlYeah ist daran vor allem eines interessant: Psychologische Unterstützung nach belastenden Ereignissen wird als Kompetenz- und Handlungsfeld ernst genommen – gleichzeitig muss zwischen Prävention, Unterstützung und Behandlung sauber unterschieden werden.

    Diese Unterscheidung ist für gute Prävention entscheidend.

    Prävention beginnt möglicherweise früher, als wir denken

    Wenn wir über psychologische Prävention sprechen, denken wir häufig an Stress, Überlastung oder langfristige psychische Belastungen.

    Doch Prävention kann auch in sehr konkreten Momenten beginnen.

    Vielleicht dann, wenn ein Mensch zum ersten Mal lernt, die eigene Stressreaktion überhaupt wahrzunehmen.

    Vielleicht dann, wenn er verschiedene Möglichkeiten kennenlernt und ausprobiert, mit akuter Belastung umzugehen.

    Vielleicht dann, wenn er erlebt, dass Selbstregulation keine Frage von „stark“ oder „schwach“ ist, sondern eine Kompetenz, die entwickelt werden kann.

    Das Entscheidende ist dabei nicht, dass jeder Mensch nach einer kritischen Situation dasselbe tut.

    Im Gegenteil.

    Eine gute Prävention muss Raum dafür lassen, dass Menschen unterschiedliche Zugänge benötigen.

    Denn psychologische Kompetenz bedeutet nicht, ein vorgegebenes Verhalten abzuspulen.

    Sie bedeutet, in einer Situation unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten zu kennen, die eigene Reaktion einordnen zu können und selbstständig eine passende Möglichkeit auszuwählen.

    Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Tipp und einer Kompetenz.

    Die entscheidende Frage ist deshalb eine andere

    Vielleicht sollten wir bei der Vorbereitung auf kritische Situationen nicht nur fragen, ob Menschen wissen, was sie tun müssen.

    Vielleicht sollten wir zusätzlich fragen, ob sie wissen, was sie mit sich selbst tun können, wenn die Situation vorbei ist.

    Nicht als Ersatz für Sicherheitsmaßnahmen.

    Nicht als Ersatz für Führung.

    Nicht als Ersatz für professionelle Hilfe, wenn diese notwendig ist.

    Sondern als Bestandteil psychologischer Handlungskompetenz.

    Denn eine kritische Situation besteht nicht nur aus dem Moment, in dem etwas passiert.

    Für den Menschen kann auch der Übergang danach relevant sein.

    Und genau dort beginnt eine Perspektive, die in der betrieblichen Prävention noch deutlich stärker berücksichtigt werden könnte:

    Handlungssicherheit und Selbstregulation sind keine Gegensätze. Vielleicht sind sie zwei Seiten derselben Frage: Wie bleibt ein Mensch auch unter Belastung handlungsfähig – und wie findet er danach wieder zurück?

    Die Minuten danach sind eine eigene Phase

    Nach einem kritischen Ereignis wird häufig zuerst geprüft, ob die unmittelbare Aufgabe bewältigt wurde. Das ist sinnvoll. Psychologisch ist damit aber nicht automatisch alles abgeschlossen.

    Menschen können nach einer belastenden Situation noch aktiviert sein. Aufmerksamkeit kann weiterhin auf das Geschehen gerichtet sein. Manche bemerken erst später, welche Wirkung die Situation auf sie hatte.

    Die Forschung zu post-incident psychosozialen Interventionen am Arbeitsplatz zeigt zugleich, wie vorsichtig man mit einfachen Lösungen sein muss. Eine systematische Übersichtsarbeit fand keine ausreichende Evidenz dafür, dass eine bestimmte Intervention nach einem Ereignis generell überlegen ist. Für allgemeines Debriefing wurden sogar mögliche negative Effekte beschrieben.

    Das ist kein Argument gegen Unterstützung.

    Es ist ein Argument für differenzierte Unterstützung.

    Nicht jede Person braucht nach einem Ereignis dasselbe. Manche brauchen zunächst Ruhe, andere möchten sprechen, wieder andere müssen erst einordnen, was passiert ist.

    Was Training leisten kann

    Training kann nicht verhindern, dass belastende Situationen entstehen. Es kann aber Handlungsmöglichkeiten erweitern.

    Menschen können lernen, eigene Reaktionen früher wahrzunehmen, die Zeit nach einer Belastung bewusster zu gestalten und zu erkennen, wann zusätzliche Unterstützung sinnvoll wird.

    Damit wird die Zeit nach dem Ereignis zu einem Teil der Vorbereitung.

    Gerade in Arbeitsfeldern mit kritischen Ereignissen ist deshalb eine Frage interessant, die über die unmittelbare Handlung hinausgeht:

    Sind Menschen darauf vorbereitet, was psychologisch nach einer belastenden Situation passieren kann?

    Prävention beginnt manchmal nicht mit der Antwort.

    Sondern mit der richtigen Frage.

    Und vielleicht lautet sie diesmal:

    Quellen

    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2024.

    DAK-Gesundheit & IGES Institut. Psychreport 2025 – Entwicklungen der psychisch bedingten Fehlzeiten im Job.

    Johns, G. (2010). Presenteeism in the workplace: A review and research agenda.

    Aronsson, G., Gustafsson, K. & Dallner, M. (2000/2005). Forschungsarbeiten zu Präsentismus und Arbeiten trotz Krankheit.

  • Psychische Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor – und das eigentliche Risiko bleibt häufig unsichtbar

    Psychische Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor – und das eigentliche Risiko bleibt häufig unsichtbar

    Wir messen, was wir sehen können. Doch reicht das aus?

    Warum beschäftigen sich Unternehmen eigentlich mit Kennzahlen?

    Die naheliegende Antwort lautet: Weil sie Orientierung geben. Kennzahlen helfen dabei, Entwicklungen zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und Maßnahmen zu bewerten. Sie schaffen Vergleichbarkeit und machen komplexe Zusammenhänge auf den ersten Blick greifbar. Ohne sie wäre moderne Unternehmensführung kaum denkbar.

    Doch jede Kennzahl erzählt nur den Teil einer Geschichte, den sie tatsächlich erfassen kann.

    Nehmen wir die Fehlzeitenquote. Sie gehört seit Jahren zu den wichtigsten Kennzahlen im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Sie zeigt, wie viele Mitarbeitende aufgrund einer Erkrankung nicht arbeiten konnten, wie sich Krankenstände entwickeln und in welchen Bereichen eines Unternehmens besondere Auffälligkeiten auftreten. Das sind wertvolle Informationen – daran besteht kein Zweifel.

    Aber stellen wir uns für einen Moment eine andere Frage.

    Was passiert eigentlich, bevor eine Krankschreibung entsteht?

    Genau an dieser Stelle beginnt eine Perspektive, die aus unserer Sicht in vielen Diskussionen über psychische Gesundheit noch zu wenig Beachtung findet.

    Denn zwischen voller Gesundheit und einer Arbeitsunfähigkeit liegt häufig kein abrupter Bruch. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess. Menschen werden nicht von einem Tag auf den anderen erschöpft. Belastungen entwickeln sich oft schleichend. Konzentration fällt schwerer, Erholung gelingt nicht mehr wie gewohnt, kleine Fehler häufen sich und die Energie, die früher selbstverständlich vorhanden war, reicht plötzlich nur noch für das Notwendigste.

    Von außen ist davon häufig kaum etwas zu erkennen.

    Die betreffende Person erscheint weiterhin zur Arbeit. Sie nimmt an Besprechungen teil, beantwortet E-Mails und erfüllt ihre Aufgaben. Für Kolleg:innen und Führungskräfte wirkt zunächst alles unverändert. Und genau deshalb bleibt dieser Zustand häufig unsichtbar – zumindest dann, wenn wir ausschließlich auf Kennzahlen schauen, die erst dann entstehen, wenn jemand bereits ausfällt.

    Vielleicht liegt genau hier einer der größten Denkfehler in der Diskussion über psychische Gesundheit im Arbeitskontext.

    Wir sprechen häufig über Krankheit.

    Seltener sprechen wir über Belastung.

    Dabei beginnt Prävention genau dort.

    Die Zahlen sind eindrucksvoll. Doch sie markieren nicht den Anfang.

    Wer sich die aktuellen Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ansieht, erkennt schnell die wirtschaftliche Dimension gesundheitlicher Belastungen.

    Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage registriert. Der dadurch entstandene Produktionsausfall wird von der BAuA auf rund 134 Milliarden Euro geschätzt, der Ausfall an Bruttowertschöpfung auf etwa 227 Milliarden Euro.

    Diese Zahlen sind beeindruckend.

    Sie machen deutlich, dass Gesundheit längst kein Randthema mehr ist. Sie betrifft nicht nur einzelne Beschäftigte, sondern ganze Organisationen und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.

    Und dennoch betrachten wir diese Zahlen bei OwlYeah mit einer etwas anderen Frage.

    Sind sie wirklich der Anfang der Geschichte – oder erzählen sie vielmehr deren Ende?

    Denn jede Arbeitsunfähigkeit, die in einer Statistik auftaucht, hat bereits eine Entwicklung hinter sich. Belastungen sind entstanden, Ressourcen wurden aufgebraucht und Regeneration hat möglicherweise über einen längeren Zeitraum nicht mehr ausreichend stattgefunden.

    Mit anderen Worten:

    Die Statistik beginnt dort, wo der eigentliche Prozess häufig schon weit fortgeschritten ist.

    Wer ausschließlich auf Fehlzeiten blickt, erkennt deshalb vor allem die sichtbaren Folgen.

    Doch was ist mit dem Teil, der sich unserer Aufmerksamkeit entzieht?

    Psychische Belastungen entwickeln sich oft lange, bevor sie in Fehlzeiten sichtbar werden.

    Genau dort beginnt ein Begriff, der in der Arbeits- und Gesundheitsforschung seit vielen Jahren diskutiert wird: Präsentismus.

    Nicht, weil Präsentismus jede Frage beantwortet.

    Sondern weil er den Blick auf einen Bereich lenkt, der im Unternehmensalltag häufig übersehen wird.

    Was genau bedeutet Präsentismus?

    Und warum könnte gerade dieses Phänomen entscheidend sein, wenn wir psychische Gesundheit nicht nur verwalten, sondern wirksam fördern möchten?

    Was bedeutet Präsentismus eigentlich – und warum ist er für Unternehmen so relevant?

    Vielleicht lohnt es sich zunächst, mit einem Missverständnis aufzuräumen.

    Wenn in der Arbeits- und Gesundheitsforschung von Präsentismus die Rede ist, geht es nicht darum, engagierte Mitarbeitende zu kritisieren, die trotz einer leichten Erkältung oder eines kurzfristigen Unwohlseins zur Arbeit erscheinen. Präsentismus ist zunächst auch keine Diagnose und kein individuelles Fehlverhalten.

    Der Begriff beschreibt vielmehr eine Beobachtung: Menschen erscheinen trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit.

    Damit endet die Definition zunächst.

    Alles Weitere – etwa eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit, eine erhöhte Fehleranfälligkeit oder langfristige gesundheitliche Folgen – kann daraus entstehen, gehört jedoch nicht zur eigentlichen Definition. Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn sie macht deutlich, dass Präsentismus nicht vorschnell bewertet werden sollte.

    Warum also entscheiden sich Menschen überhaupt dafür, trotz gesundheitlicher Beschwerden arbeiten zu gehen?

    Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Menschen selbst.

    Manche fühlen sich ihrem Team verpflichtet und möchten Kolleg:innen nicht zusätzlich belasten. Andere möchten wichtige Projekte nicht verzögern oder Termine nicht absagen. Wieder andere befürchten, als wenig belastbar wahrgenommen zu werden oder erleben ihre eigene Anwesenheit als Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein.

    Ist das irrational?

    Nicht unbedingt.

    Aus individueller Sicht können all diese Entscheidungen nachvollziehbar sein.

    Gerade deshalb greift es zu kurz, Präsentismus ausschließlich als individuelles Verhalten zu betrachten. Viel interessanter ist die Frage, welche Bedingungen in Organisationen dazu beitragen, dass solche Entscheidungen überhaupt entstehen.

    Vielleicht stellen wir manchmal die falsche Frage.

    Wenn Unternehmen über psychische Gesundheit sprechen, lautet eine der ersten Fragen häufig:

    „Wie können wir Fehlzeiten reduzieren?“

    Das ist verständlich. Fehlzeiten verursachen Kosten, erschweren die Personalplanung und beeinflussen Arbeitsabläufe.

    Doch was wäre, wenn diese Frage bereits einen Schritt zu spät ansetzt?

    Vielleicht müssten wir zunächst eine andere Frage stellen:

    „Unter welchen Bedingungen bleiben Menschen langfristig gesund und leistungsfähig?“

    Diese Perspektive verändert erstaunlich viel.

    Sie verschiebt den Blick weg von der Krankheit und hin zu den Bedingungen, unter denen Gesundheit überhaupt entstehen und erhalten bleiben kann.

    Damit verändert sich auch die Rolle von Prävention.

    Prävention bedeutet dann nicht mehr, möglichst früh auf erste Krankheitssymptome zu reagieren.

    Prävention bedeutet, Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen gesundheitliche Belastungen gar nicht erst dauerhaft anwachsen.

    Genau deshalb betrachten wir Prävention bei OwlYeah nicht als Sammlung einzelner Gesundheitsmaßnahmen.

    Wir verstehen sie als einen kontinuierlichen Prozess, der Menschen dabei unterstützt, ihre körperlichen und psychischen Ressourcen langfristig zu erhalten und zu stärken.

    Warum psychische Gesundheit weit mehr ist als ein HR-Thema

    Vielleicht liegt hier einer der Gründe, weshalb psychische Gesundheit in Unternehmen noch immer häufig unterschätzt wird.

    Sie wird oft organisatorisch der Personalabteilung oder dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement zugeordnet. Das ist nachvollziehbar. Schließlich entstehen dort viele gesundheitsbezogene Angebote und Maßnahmen.

    Doch die Auswirkungen psychischer Gesundheit reichen weit darüber hinaus.

    Sie beeinflusst, wie Teams zusammenarbeiten.

    Sie beeinflusst die Qualität von Entscheidungen.

    Sie beeinflusst Kreativität, Innovationsfähigkeit und Lernbereitschaft.

    Sie beeinflusst Führung.

    Sie beeinflusst Fehlerquoten.

    Sie beeinflusst letztlich die Wertschöpfung einer Organisation.

    Deshalb erscheint uns die Frage, ob psychische Gesundheit ein HR-Thema ist, inzwischen fast zu klein gedacht.

    Vielleicht lautet die eigentliche Frage:

    Wie kann ein Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein, wenn die Gesundheit seiner Beschäftigten nur als Personalthema verstanden wird?

    Diese Perspektive verändert den gesamten Blick auf Prävention.

    Nicht Gesundheit wird wirtschaftlich interessant.

    Sondern wirtschaftlicher Erfolg wird ohne Gesundheit kaum dauerhaft denkbar.

    Prävention beginnt nicht mit einem Seminar.

    Dieser Gedanke ist uns besonders wichtig.

    Wenn über Prävention gesprochen wird, denken viele Menschen zunächst an Trainings, Workshops oder einzelne Gesundheitstage.

    All diese Maßnahmen können sinnvoll sein.

    Doch sie sind nicht der Beginn von Prävention.

    Prävention beginnt deutlich früher.

    Sie beginnt mit Aufmerksamkeit.

    Mit der Bereitschaft, Fragen zu stellen, bevor Probleme sichtbar werden.

    Mit einer Führungskultur, die Belastungen nicht erst dann ernst nimmt, wenn eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf dem Schreibtisch liegt.

    Mit Organisationen, die nicht nur nach Leistung fragen, sondern auch danach, welche Bedingungen Leistung überhaupt dauerhaft ermöglichen.

    Vielleicht klingt das zunächst selbstverständlich.

    In der Praxis ist es das jedoch häufig nicht.

    Denn was leicht messbar ist, erhält oft automatisch mehr Aufmerksamkeit als das, was sich nur indirekt beobachten lässt.

    Gerade deshalb braucht Prävention einen Perspektivwechsel.

    Was wir aus den Zahlen der BAuA wirklich lernen können

    Die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beeindrucken:

    Arbeitsunfähigkeitstage

    Produktionsausfall


    Doch vielleicht besteht ihre größte Stärke gar nicht darin, diese Dimension sichtbar zu machen.

    Vielleicht erinnern sie uns vielmehr daran, dass hinter jeder Zahl Menschen stehen.

    Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen.

    Mit unterschiedlichen Belastungen.

    Mit unterschiedlichen Lebensrealitäten.

    Und genau deshalb beginnt wirksame Prävention niemals bei einer Statistik.

    Sie beginnt immer bei den Menschen.

    Kennzahlen helfen uns, Entwicklungen zu erkennen.

    Sie können jedoch niemals vollständig erklären, warum diese Entwicklungen entstehen.

    Dafür braucht es Psychologie.

    Dafür braucht es Führung.

    Dafür braucht es Organisationsentwicklung.

    Und dafür braucht es die Bereitschaft, nicht nur Symptome zu betrachten, sondern auch deren Ursachen.

    Fazit

    Vielleicht lässt sich der Gedanke dieses ersten Journal-Artikels in einer einzigen Frage zusammenfassen.

    Was wäre, wenn die wichtigste Kennzahl zur Gesundheit eines Unternehmens genau diejenige ist, die in vielen Berichten gar nicht auftaucht?

    Wir glauben nicht, dass Fehlzeiten unwichtig sind.

    Im Gegenteil.

    Sie liefern wertvolle Informationen.

    Doch sie erzählen nur den Teil der Geschichte, der bereits sichtbar geworden ist.

    Wirksame Prävention beginnt früher.

    Sie beginnt dort, wo Belastungen noch keine Statistik erzeugen.

    Dort, wo Menschen beginnen, ihre eigenen Ressourcen aufzubrauchen.

    Dort, wo Organisationen entscheiden können, ob sie ausschließlich auf sichtbare Folgen reagieren – oder ob sie die Bedingungen schaffen möchten, unter denen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Zusammenarbeit langfristig erhalten bleiben.

    Vielleicht ist genau das der eigentliche Perspektivwechsel.

    Psychische Gesundheit ist kein Wirtschaftsfaktor, weil Krankheit Geld kostet.

    Sie ist ein Wirtschaftsfaktor, weil gesunde Menschen die Grundlage für nachhaltige Wertschöpfung bilden.

    Quellen

    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2024.

    DAK-Gesundheit & IGES Institut. Psychreport 2025 – Entwicklungen der psychisch bedingten Fehlzeiten im Job.

    Johns, G. (2010). Presenteeism in the workplace: A review and research agenda.

    Aronsson, G., Gustafsson, K. & Dallner, M. (2000/2005). Forschungsarbeiten zu Präsentismus und Arbeiten trotz Krankheit.