Autor: Franzi

  • Psychische Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor – und das eigentliche Risiko bleibt häufig unsichtbar

    Psychische Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor – und das eigentliche Risiko bleibt häufig unsichtbar

    Wir messen, was wir sehen können. Doch reicht das aus?

    Warum beschäftigen sich Unternehmen eigentlich mit Kennzahlen?

    Die naheliegende Antwort lautet: Weil sie Orientierung geben. Kennzahlen helfen dabei, Entwicklungen zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und Maßnahmen zu bewerten. Sie schaffen Vergleichbarkeit und machen komplexe Zusammenhänge auf den ersten Blick greifbar. Ohne sie wäre moderne Unternehmensführung kaum denkbar.

    Doch jede Kennzahl erzählt nur den Teil einer Geschichte, den sie tatsächlich erfassen kann.

    Nehmen wir die Fehlzeitenquote. Sie gehört seit Jahren zu den wichtigsten Kennzahlen im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Sie zeigt, wie viele Mitarbeitende aufgrund einer Erkrankung nicht arbeiten konnten, wie sich Krankenstände entwickeln und in welchen Bereichen eines Unternehmens besondere Auffälligkeiten auftreten. Das sind wertvolle Informationen – daran besteht kein Zweifel.

    Aber stellen wir uns für einen Moment eine andere Frage.

    Was passiert eigentlich, bevor eine Krankschreibung entsteht?

    Genau an dieser Stelle beginnt eine Perspektive, die aus unserer Sicht in vielen Diskussionen über psychische Gesundheit noch zu wenig Beachtung findet.

    Denn zwischen voller Gesundheit und einer Arbeitsunfähigkeit liegt häufig kein abrupter Bruch. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess. Menschen werden nicht von einem Tag auf den anderen erschöpft. Belastungen entwickeln sich oft schleichend. Konzentration fällt schwerer, Erholung gelingt nicht mehr wie gewohnt, kleine Fehler häufen sich und die Energie, die früher selbstverständlich vorhanden war, reicht plötzlich nur noch für das Notwendigste.

    Von außen ist davon häufig kaum etwas zu erkennen.

    Die betreffende Person erscheint weiterhin zur Arbeit. Sie nimmt an Besprechungen teil, beantwortet E-Mails und erfüllt ihre Aufgaben. Für Kolleg:innen und Führungskräfte wirkt zunächst alles unverändert. Und genau deshalb bleibt dieser Zustand häufig unsichtbar – zumindest dann, wenn wir ausschließlich auf Kennzahlen schauen, die erst dann entstehen, wenn jemand bereits ausfällt.

    Vielleicht liegt genau hier einer der größten Denkfehler in der Diskussion über psychische Gesundheit im Arbeitskontext.

    Wir sprechen häufig über Krankheit.

    Seltener sprechen wir über Belastung.

    Dabei beginnt Prävention genau dort.

    Die Zahlen sind eindrucksvoll. Doch sie markieren nicht den Anfang.

    Wer sich die aktuellen Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ansieht, erkennt schnell die wirtschaftliche Dimension gesundheitlicher Belastungen.

    Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage registriert. Der dadurch entstandene Produktionsausfall wird von der BAuA auf rund 134 Milliarden Euro geschätzt, der Ausfall an Bruttowertschöpfung auf etwa 227 Milliarden Euro.

    Diese Zahlen sind beeindruckend.

    Sie machen deutlich, dass Gesundheit längst kein Randthema mehr ist. Sie betrifft nicht nur einzelne Beschäftigte, sondern ganze Organisationen und letztlich die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.

    Und dennoch betrachten wir diese Zahlen bei OwlYeah mit einer etwas anderen Frage.

    Sind sie wirklich der Anfang der Geschichte – oder erzählen sie vielmehr deren Ende?

    Denn jede Arbeitsunfähigkeit, die in einer Statistik auftaucht, hat bereits eine Entwicklung hinter sich. Belastungen sind entstanden, Ressourcen wurden aufgebraucht und Regeneration hat möglicherweise über einen längeren Zeitraum nicht mehr ausreichend stattgefunden.

    Mit anderen Worten:

    Die Statistik beginnt dort, wo der eigentliche Prozess häufig schon weit fortgeschritten ist.

    Wer ausschließlich auf Fehlzeiten blickt, erkennt deshalb vor allem die sichtbaren Folgen.

    Doch was ist mit dem Teil, der sich unserer Aufmerksamkeit entzieht?

    Genau dort beginnt ein Begriff, der in der Arbeits- und Gesundheitsforschung seit vielen Jahren diskutiert wird: Präsentismus.

    Nicht, weil Präsentismus jede Frage beantwortet.

    Sondern weil er den Blick auf einen Bereich lenkt, der im Unternehmensalltag häufig übersehen wird.

    Was genau bedeutet Präsentismus?

    Und warum könnte gerade dieses Phänomen entscheidend sein, wenn wir psychische Gesundheit nicht nur verwalten, sondern wirksam fördern möchten?

    Was bedeutet Präsentismus eigentlich – und warum ist er für Unternehmen so relevant?

    Vielleicht lohnt es sich zunächst, mit einem Missverständnis aufzuräumen.

    Wenn in der Arbeits- und Gesundheitsforschung von Präsentismus die Rede ist, geht es nicht darum, engagierte Mitarbeitende zu kritisieren, die trotz einer leichten Erkältung oder eines kurzfristigen Unwohlseins zur Arbeit erscheinen. Präsentismus ist zunächst auch keine Diagnose und kein individuelles Fehlverhalten.

    Der Begriff beschreibt vielmehr eine Beobachtung: Menschen erscheinen trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit.

    Damit endet die Definition zunächst.

    Alles Weitere – etwa eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit, eine erhöhte Fehleranfälligkeit oder langfristige gesundheitliche Folgen – kann daraus entstehen, gehört jedoch nicht zur eigentlichen Definition. Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn sie macht deutlich, dass Präsentismus nicht vorschnell bewertet werden sollte.

    Warum also entscheiden sich Menschen überhaupt dafür, trotz gesundheitlicher Beschwerden arbeiten zu gehen?

    Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Menschen selbst.

    Manche fühlen sich ihrem Team verpflichtet und möchten Kolleg:innen nicht zusätzlich belasten. Andere möchten wichtige Projekte nicht verzögern oder Termine nicht absagen. Wieder andere befürchten, als wenig belastbar wahrgenommen zu werden oder erleben ihre eigene Anwesenheit als Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein.

    Ist das irrational?

    Nicht unbedingt.

    Aus individueller Sicht können all diese Entscheidungen nachvollziehbar sein.

    Gerade deshalb greift es zu kurz, Präsentismus ausschließlich als individuelles Verhalten zu betrachten. Viel interessanter ist die Frage, welche Bedingungen in Organisationen dazu beitragen, dass solche Entscheidungen überhaupt entstehen.

    Vielleicht stellen wir manchmal die falsche Frage.

    Wenn Unternehmen über psychische Gesundheit sprechen, lautet eine der ersten Fragen häufig:

    „Wie können wir Fehlzeiten reduzieren?“

    Das ist verständlich. Fehlzeiten verursachen Kosten, erschweren die Personalplanung und beeinflussen Arbeitsabläufe.

    Doch was wäre, wenn diese Frage bereits einen Schritt zu spät ansetzt?

    Vielleicht müssten wir zunächst eine andere Frage stellen:

    „Unter welchen Bedingungen bleiben Menschen langfristig gesund und leistungsfähig?“

    Diese Perspektive verändert erstaunlich viel.

    Sie verschiebt den Blick weg von der Krankheit und hin zu den Bedingungen, unter denen Gesundheit überhaupt entstehen und erhalten bleiben kann.

    Damit verändert sich auch die Rolle von Prävention.

    Prävention bedeutet dann nicht mehr, möglichst früh auf erste Krankheitssymptome zu reagieren.

    Prävention bedeutet, Arbeitsbedingungen zu schaffen, in denen gesundheitliche Belastungen gar nicht erst dauerhaft anwachsen.

    Genau deshalb betrachten wir Prävention bei OwlYeah nicht als Sammlung einzelner Gesundheitsmaßnahmen.

    Wir verstehen sie als einen kontinuierlichen Prozess, der Menschen dabei unterstützt, ihre körperlichen und psychischen Ressourcen langfristig zu erhalten und zu stärken.

    Warum psychische Gesundheit weit mehr ist als ein HR-Thema

    Vielleicht liegt hier einer der Gründe, weshalb psychische Gesundheit in Unternehmen noch immer häufig unterschätzt wird.

    Sie wird oft organisatorisch der Personalabteilung oder dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement zugeordnet. Das ist nachvollziehbar. Schließlich entstehen dort viele gesundheitsbezogene Angebote und Maßnahmen.

    Doch die Auswirkungen psychischer Gesundheit reichen weit darüber hinaus.

    Sie beeinflusst, wie Teams zusammenarbeiten.

    Sie beeinflusst die Qualität von Entscheidungen.

    Sie beeinflusst Kreativität, Innovationsfähigkeit und Lernbereitschaft.

    Sie beeinflusst Führung.

    Sie beeinflusst Fehlerquoten.

    Sie beeinflusst letztlich die Wertschöpfung einer Organisation.

    Deshalb erscheint uns die Frage, ob psychische Gesundheit ein HR-Thema ist, inzwischen fast zu klein gedacht.

    Vielleicht lautet die eigentliche Frage:

    Wie kann ein Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein, wenn die Gesundheit seiner Beschäftigten nur als Personalthema verstanden wird?

    Diese Perspektive verändert den gesamten Blick auf Prävention.

    Nicht Gesundheit wird wirtschaftlich interessant.

    Sondern wirtschaftlicher Erfolg wird ohne Gesundheit kaum dauerhaft denkbar.

    Prävention beginnt nicht mit einem Seminar.

    Dieser Gedanke ist uns besonders wichtig.

    Wenn über Prävention gesprochen wird, denken viele Menschen zunächst an Trainings, Workshops oder einzelne Gesundheitstage.

    All diese Maßnahmen können sinnvoll sein.

    Doch sie sind nicht der Beginn von Prävention.

    Prävention beginnt deutlich früher.

    Sie beginnt mit Aufmerksamkeit.

    Mit der Bereitschaft, Fragen zu stellen, bevor Probleme sichtbar werden.

    Mit einer Führungskultur, die Belastungen nicht erst dann ernst nimmt, wenn eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf dem Schreibtisch liegt.

    Mit Organisationen, die nicht nur nach Leistung fragen, sondern auch danach, welche Bedingungen Leistung überhaupt dauerhaft ermöglichen.

    Vielleicht klingt das zunächst selbstverständlich.

    In der Praxis ist es das jedoch häufig nicht.

    Denn was leicht messbar ist, erhält oft automatisch mehr Aufmerksamkeit als das, was sich nur indirekt beobachten lässt.

    Gerade deshalb braucht Prävention einen Perspektivwechsel.

    Was wir aus den Zahlen der BAuA wirklich lernen können

    Die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beeindrucken.

    881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage.

    134 Milliarden Euro Produktionsausfall.

    227 Milliarden Euro Ausfall an Bruttowertschöpfung.

    Doch vielleicht besteht ihre größte Stärke gar nicht darin, diese Dimension sichtbar zu machen.

    Vielleicht erinnern sie uns vielmehr daran, dass hinter jeder Zahl Menschen stehen.

    Menschen mit unterschiedlichen Ressourcen.

    Mit unterschiedlichen Belastungen.

    Mit unterschiedlichen Lebensrealitäten.

    Und genau deshalb beginnt wirksame Prävention niemals bei einer Statistik.

    Sie beginnt immer bei den Menschen.

    Kennzahlen helfen uns, Entwicklungen zu erkennen.

    Sie können jedoch niemals vollständig erklären, warum diese Entwicklungen entstehen.

    Dafür braucht es Psychologie.

    Dafür braucht es Führung.

    Dafür braucht es Organisationsentwicklung.

    Und dafür braucht es die Bereitschaft, nicht nur Symptome zu betrachten, sondern auch deren Ursachen.

    Fazit

    Vielleicht lässt sich der Gedanke dieses ersten Journal-Artikels in einer einzigen Frage zusammenfassen.

    Was wäre, wenn die wichtigste Kennzahl zur Gesundheit eines Unternehmens genau diejenige ist, die in vielen Berichten gar nicht auftaucht?

    Wir glauben nicht, dass Fehlzeiten unwichtig sind.

    Im Gegenteil.

    Sie liefern wertvolle Informationen.

    Doch sie erzählen nur den Teil der Geschichte, der bereits sichtbar geworden ist.

    Wirksame Prävention beginnt früher.

    Sie beginnt dort, wo Belastungen noch keine Statistik erzeugen.

    Dort, wo Menschen beginnen, ihre eigenen Ressourcen aufzubrauchen.

    Dort, wo Organisationen entscheiden können, ob sie ausschließlich auf sichtbare Folgen reagieren – oder ob sie die Bedingungen schaffen möchten, unter denen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Zusammenarbeit langfristig erhalten bleiben.

    Vielleicht ist genau das der eigentliche Perspektivwechsel.

    Psychische Gesundheit ist kein Wirtschaftsfaktor, weil Krankheit Geld kostet.

    Sie ist ein Wirtschaftsfaktor, weil gesunde Menschen die Grundlage für nachhaltige Wertschöpfung bilden.

    Und genau deshalb beginnt wirksame Prävention nicht mit Antworten.

    Sondern mit den richtigen Fragen.

    Quellen

    Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2024.

    DAK-Gesundheit & IGES Institut. Psychreport 2025 – Entwicklungen der psychisch bedingten Fehlzeiten im Job.

    Johns, G. (2010). Presenteeism in the workplace: A review and research agenda.

    Aronsson, G., Gustafsson, K. & Dallner, M. (2000/2005). Forschungsarbeiten zu Präsentismus und Arbeiten trotz Krankheit.